Triggerwarnung zu rassistischer Sprache

In der deutschen Übersetzung des Buchs einer feministischen amerikanischen Wissenaftlerin zur Genealogie von Rassismen wird das N-Wort gebraucht. Das Buch in deutscher Sprache erschien 1993. In Blackboard wird vor dem Lesen per Mail gewarnt und das Angebot gemacht den Inhalt der betreffenden Seiten in nichtrassisitscher Sprache zusammenzufassen und zu kommunizieren falls gewünscht. Die Lektüre dient als Vorbereitung zu einer Vorlesung. In der Vorlesung wird die rassistische Sprache nicht angesprochen, nicht problematisiert.

Ich erhielt so eine Warnung in vier Jahren Gasthörerdasein zum ersten Mal. Das Nichtthematisieren in der Veranstaltung verunsichert mich ein wenig. Sollte ich nachfragen?

Präsenz und Absage

Es wird ein Hybridsemester sein. Einige Präsenzveranstaltungen sind für Gasthörerïnnen geöffnet. Allerdings scheint die Koordination verbesserungswürdig zu sein. Bekomme für die einzige gewählte Präsenzveranstaltung eine Absage. Scheinbar wurde bei der Wahl der Räumlichkeit die Gasthörerïnnen vergessen.

Schade – aber das Weiterbildungszentrum zeigt sich kulant, ich kann eine andere Veranstaltung belegen und habe damit erneut vier Onlineveranstaltungen. Damit brauche ich nicht nach Dahlem zu fahren; in dunklen und ungemütlichen Herbst-/ Winterzeiten ist das auch eher unerfreulich.

Der Blick ins Vorlesungsverzeichnis WiSe 2021/2022

Der Blick ins neue ClassicVorlesungsverzeichnis für Gasthörerïnnen ist vor Überraschungen nicht gefeit. Ein neuer großer Block ist da – die Lateinamerikanistik. Die Veranstaltungen dazu sind sehr unterschiedlich: Gender, Digitalisierung, Geschichte, Kolonialismus u.a.. Biologie, Chemie, Geowissenschaften und Mathematik öffnen ebenfalls viele Veranstaltungen für Gasthörerïnnen; die Politikwissenschaften sind, wie immer, breit vertreten. Totalausfälle im Wintersemester sind Deutsche Philologie und Wirtschaftswissenschaften. Schade…

Die Schüchternen

Ich sehe mich als Gasthörer in einer Position der Zurückhaltung, in einer Rolle als Zuhörer. Lehrveranstaltungen sind zuförderst für die Studierenden da, sie sind es die sich den Lehrstoff erarbeiten sollten, die die Chance haben sollten sich zu beteiligen, die die Diskussion führen sollten, sich einbringen sollten, die Honig aus der Kommunikation saugen sollten. Auch Präsenzveranstaltungen sehen unterschiedliche Beteiligung, es gibt (einzelne) Gesprächsführerïnnen und Schweigende. In den Onlineveranstaltungen fühle ich mich in einer zähen Gesprächssituation unbehaglich, insbesondere wenn es längere Zeiträume des Schweigens gibt. Ich gebe meine Zurückhaltung auf und melde mich öfter zu Wort als ich möchte. Das ist mir ebenfalls unangenehm aber vielleicht kann ich so zu ein wenig mehr Engagement anregen. Zudem hinterfrage ich die Position der Gasthörerïn als eine zu-hörende.

In der jeweiligen Sprache lesen

Bis jetzt hatte ich auch Lehrveranstaltungen deren Gegenstand sich in der Orginalsprache am besten darbietet: altgriechische Poetik, chinesische Ästhetik, (alt)hebräische Texte, alt-/mittel(hoch)deutsche Schriften – Philologie als Grundlage. Doch keine dieser Sprache beherrsche ich, begnügen muß ich mich mit Übersetzungen. Werden Übersetzungen dem Gegenstand gerecht oder fügen sie zusätzliche Verzerrungen dem Verstehen, dem Deuten hinzu?

Webex ohne Video

Im Kurs scheinen viele schüchterne Menschen zu sein, die Äußerungsfreude ist gedämpft, keine Diskussionsfreude vorhanden. Einige Teilnehmerïnnen haben Video an, die meisten nicht. Der Dozent schaltet den Kurs in Teilgruppen. In einer Teilgruppe haben alle Teilnehmerïnnen Video und Audio abgestellt. Nach einer gefühlten Weile erscheint ein Sprecher, danach eine weitere. Mehrere melden sich nacheinander zu Wort, das Eis scheint zu brechen. Bei allen bleibt die Videofunktion ausgestellt.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Videofunktion und Kommunikation? Erleichtert die Bildlosigkeit die Kommunikation? Ist das eine Beichtstuhlsituation?

Das Sozusagen

Referate und Vorträge halte ich frei. Einige Stichworte schreibe ich auf, mehr nicht. Die Illusion hält mich gefangen, ich könne während des Sprechens meine Gedanken entwickeln. Meistens funktioniert das mehr schlecht als recht in meiner Rückschau. Während des Sprechens bemerke ich, daß ich die Worthülse „Sozusagen“ sehr oft benutze, was mir beim normalen Plaudern völlig abgeht. In der Anspannung während des Sprechens ist meine Widerstandskraft gegen die Worthülse völlig zusammengebrochen. Dieses „Sozusagen“ ist ja nicht nur der Ausdruck hoher Anspannung oder Verlegenheit sondern es scheint eine unbewußte Distanzierung von dem Gesagten zu erfolgen.

Was ist diese tiefsitzende unbewußte Scham – wie läßt sie sich auflösen?

Noch mehr von der Mensakarte

Hinschauen ist hilfreich. An der Kasse wird das Sterbedatum meiner Mensakarte auf dem Display angezeigt: 1.1.2037. Dann wird sie gut zwanzig Jahre alt sein. Mein eigenes Alter rechne ich aber lieber nicht aus…

Die schlaue Mensakarte

Im vierten Semester als Gasthörer wird mir gewahr, dass die Mensakarte schlauer ist als ich. Zwar steht irgendwo in den Erläuterungen zur Nutzung der Karte, der Gasthörer möge sich auch als solcher legitimieren. Doch ist das nur bei Ausstellung der Mensakarte notwendig, die Bezahlung zum Personaltarif ist dann auf der Karte vermerkt. Darauf weist mich eine freundliche Mitarbeiterin an der Kasse hin.

Über die Verwendung des Begriffes Interesse

Alain Caillé entfaltet in seinem Text „Die doppelte Unbegreiflichkeit der reinen Gabe“ die Verwendung des Begriffes „Interesse“. Er unterscheidet das „Interesse an“ vom „Interesse für“. Das „Interesse an“ wird instrumentell gebraucht, es hat Werkzeugcharakter. Das „Interesse für“ etwas oder jemanden ist sich, sozusagen, selbst genug; die Handlung oder Tätigkeit „hat in sich ihr eigenes Ziel“. Die Gegenpunkte seien einerseits Interesselosigkeit und andererseits Desinteresse. Natürlich ist der „Anteil“ der beiden Interessen an einer Handlung, Tätigkeit, einem Etwas oder Jemandem unterschiedlich und im Zeitablauf variabel. Auch kann das jeweilige Interesse allein vorliegen.

Dies sei am Beispiel der Arbeit erläutert. Arbeitet jemand in einem Unternehmen, das ihm ganz oder zu Teilen gehört so werden hier „Interesse an“ und „Interesse für“ vorliegen. Nach einem Verkauf oder Änderung der Position mag sich das „Interesse für“ verflüchtigen und das „Interesse an“ mag alleine übrigbleiben. Caillé zitiert einen Satz von Auguste Detoeuf:

Man glaubt zunächst, man würde für sich arbeiten, man vergegenwärtigt sich dann, dass man für seine Frau arbeitet – man ist später überzeugt, dass man für die Kinder arbeitet, man nimmt schlussendlich war, dass man während der ganzen Zeit gearbeitet hat, um zu arbeiten.

Werden die Interessen auch tatsächlich in der Lebenswelt gedanklich sortiert oder wird das „Interesse für“ nicht vielmehr auch als das „Interesse an“ wahrgenommen? Und welche Folgen könnte diese Verwechselung der Interessen mit sich bringen?

(Dieser kurze Text wurde zuerst am 24.1.2018 auf meinem Blog horax schreibt hier veröffentlicht.)